Glöckelchenverein

Groß-Zimmern im 17. und 18. Jahrhundert


Im Rahmen der 750-Jahr-Feier von Groß-Zimmern veranstaltete der Glöckelchenverein seinen zweiten historischen Vortrag, der sich den Geschehnissen des 17. und 18. Jahrhunderts widmete. Als Referent fungierte am 19. März Helmut Kriha, der auf Grundlage eigener Forschungen im Archiv der Fürsten von Haus Löwenstein-Wertheim zahlreiche Einblicke in eine konfliktreiche Epoche der Ortsgeschichte gab.

Zu Beginn seines Vortrags zeichnete der Historiker aus Leidenschaft die wechselnden herrschaftlichen und religiösen Verhältnisse in Groß- und Klein-Zimmern nach, die bereits in den Jahrhunderten zuvor von Umbrüchen geprägt waren. Als markantes Ereignis hob er einen verheerenden Brand im 16. Jahrhundert hervor, bei dem rund ein Drittel der Häuser zerstört wurde. 

Anhand anschaulicher Beschreibungen rekonstruierte Kriha das damalige Ortsbild: Fruchtbarer Lössboden bot den Bauern gute Voraussetzungen für den landwirtschaftlichen Anbau. Eine Schmiede sowie ein Backhaus befanden sich nahe der heutigen evangelischen Kirche. Das damalige Rathaus entspricht dem heutigen Erdgeschoss des evangelischen Gemeindehauses. In der Obermühle wurde Getreide gemahlen.Die sozialen Unterschiede spiegelten sich räumlich wider – ärmere Einwohner lebten am Ende der Enggasse, wohlhabendere in der Kirchstraße. Der einzige Ortsausgang führte über die heutige Jahnstraße in Richtung Wilhelm-Leuschner-Straße.

Besonders konfliktträchtig war die politische Situation: Groß-Zimmern (Klein-Zimmern gehörte damals nicht zu Groß-Zimmern) unterstand gleich drei Hoheitsgebieten, weshalb drei Schultheiße eingesetzt waren, die zur Zusammenarbeit gezwungen waren. Unklare Gebietsverhältnisse zwischen Groß- und Klein-Zimmern führten darüber hinaus auch immer wieder zu Streitigkeiten – etwa über das nicht eindeutig zugeordnete Feld zwischen Groß- und Klein-Zimmern oder über die Wegeführung der Klein-Zimmerner Viehtriebe in den gemeinschaftlich genutzten Wald.

Die Lage verschärfte sich nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1648, als etwa die Hälfte der Häuser zerstört oder verlassen war. Um den Ort wiederzubeleben, wurden gezielt Neubürger angeworben, darunter Familien aus den heutigen Regionen Belgien und Niederlande wie Wick oder Burger, deren Familiennamen noch heute in Groß-Zimmern geläufig sind. Trotz Integrationsschwierigkeiten aufgrund sprachlicher und religiöser Unterschiede trugen sie wesentlich zum Wiederaufbau bei.

Ein weiterer Konfliktpunkt ergab sich aus einer religiösen Situation: Obwohl nur etwa ein Fünftel der Bevölkerung katholisch war, wurde 1704 ein katholischer Pfarrer eingesetzt. Dessen Tätigkeit war von Anfeindungen begleitet; er verließ den Ort im Winter 1711 nach nur sieben Jahren im Amt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde eine gemeinsame Nutzung der heutigen evangelischen Kirche durch alle drei ansässigen Religionen erlaubt.

Abschließend las Helmut Kriha ausgewählte Dokumente aus dem Archiv vor, die die damaligen Streitigkeiten und Beschwerden eindrucksvoll belegten – und dabei auch den ein oder anderen amüsanten Einblick in die Alltagskonflikte der Vergangenheit boten.

Zum Dank für seinen Vortrag erhielt Helmut Kriha vom ersten Vorsitzenden des Glöckelchenvereins, Dr. Manfred Göbel, eine Flasche Jubiläums-Sekt.

Die Mitglieder des Glöckelchenvereins blicken nun mit Vorfreude auf den nächsten Termin der historischen Vortragsreihe: Am 23. April gibt Rahel Blum Einblick in die Geschichte der jüdischen Landgemeinde. Nach dem wiederholt sehr gut besuchten Vortrag hoffen die Veranstalter erneut auf ein so zahlreiches und geschichtsinteressiertes Publikum.

Bitte beachten Sie auch die weiteren Veranstaltungen des Glöckelchenvereins im Jubiläumsjahr, die alle auf dem Flyer „Was ist los?“ oder unter www.gross-zimmern.de/gloeckelchenverein zu finden sind. Merken Sie sich bereits heute die für Sie interessanten Termine vor!