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Glöckelchenverein

War Groß-Zimmern eine geplante Stadt?


Einen vielversprechenden Auftakt nahm die historische Vortragsreihe des Glöckelchenvereins mit einem ebenso fundierten wie gut besuchten Abend im fast voll besetzten Saal des Kulturzentrums. Im Mittelpunkt stand die spannende Fragestellung, ob Groß-Zimmern möglicherweise eine gescheiterte Stadtgründung gewesen sein könnte. Als Referent war der aus Berlin angereiste Historiker Thomas Steinmetz zu Gast, der dem interessierten Publikum seine Forschungsergebnisse ausführlich und nachvollziehbar darlegte.

Thomas Steinmetz zeichnete zunächst die historischen Rahmenbedingungen nach: Im 12. und 13. Jahrhundert kam es im rechtsrheinischen Gebiet zu zahlreichen Stadtgründungen. Bereits im 12. Jahrhundert entstanden unter anderem Gelnhausen, Aschaffenburg und Dieburg, im 13. Jahrhundert folgten beispielsweise Umstadt, Weinheim und Miltenberg. Darüber hinaus habe es weitere planvoll angelegte Siedlungen gegeben, die letztlich nicht zur Stadt erhoben wurden oder deren Entwicklung stagnierte.

Ein wesentliches Indiz für geplante Stadtanlagen seien rechtwinklig verlaufende Straßenanordnungen, wie sie in mittelalterlichen Gründungsstädten typisch waren. Steinmetz verwies in diesem Zusammenhang auf die alten Ortskerne von Reinheim, Beerfelden und Dieburg. Auch in Groß-Zimmern lasse sich diese auffällige Struktur erkennen. So könne zudem die ungewöhnlich breit angelegte Bachgasse ursprünglich als Marktstraße konzipiert gewesen sein – ein starkes Argument für eine geplante städtische Entwicklung.

Gleichzeitig wies der Referent auf topographische Besonderheiten hin. Der alte Ortskern von Groß-Zimmern liegt unmittelbar an der Gersprenz; Bereiche wie der Hirschbachweg sind noch im 20. Jahrhundert von Hochwasser betroffen gewesen. Im Mittelalter jedoch habe man Häuser in der Regel nicht in Überschwemmungsgebieten errichtet – es sei denn, eine schützende Stadtmauer war vorgesehen. Das Fehlen entsprechender Schutzanlagen werfe daher Fragen zur ursprünglichen Planung auf.

Historisch eingebettet wurde die Entwicklung in die fränkische Expansion im rechtsrheinischen Raum. Durch Karl Martell, dem Großvater Karls des Großen, sowie dem Missionar Bonifatius sind durch Stadt-, Bistums- und Klostergründungen die territorialen Strukturen gefestigt worden. Diese frühen Weichenstellungen bildeten die Grundlage für die späteren Stadtgründungen des Hochmittelalters.

Besondere Aufmerksamkeit widmete Steinmetz dem Verhältnis von Groß- und Klein-Zimmern. Klein-Zimmern, in historischen Quellen als Ober-Zimmern bezeichnet, liegt auf einer Anhöhe und war somit vor Hochwasser geschützt. Nach bisherigen Erkenntnissen habe diese Siedlung bereits bestanden, bevor das heutige Groß-Zimmern – einst Nieder-Zimmern genannt – entstand. Klein-Zimmern entstand aus zwei sogenannten Wildhuben, also Bauernhöfen von Hübnern, die mit der Wahrung kaiserlicher Jagdrechte betraut waren. Das Gebiet gehörte zum Wildbann Dreieich, einem ausgedehnten Jagdbezirk unter der Aufsicht des jeweiligen Vogtes.

Die von Thomas Steinmetz präsentierten Hinweise, die auf eine möglicherweise nicht vollendete Stadtgründung hindeuten, wurden vom Publikum aufmerksam verfolgt und als schlüssig bewertet. In der anschließenden Diskussion stellten die Gäste zahlreiche vertiefende Fragen.

Zum Dank für seinen Vortrag erhielt Thomas Steinmetz vom ersten Vorsitzenden des Glöckelchenvereins, Dr. Manfred Göbel, eine Flasche Jubiläums-Sekt. Am Büchertisch fand insbesondere die Publikation über die Straßen Groß-Zimmerns regen Absatz.

Die Mitglieder des Glöckelchenvereins blicken nun mit Vorfreude auf den nächsten Termin der Reihe: Am 19. März spricht Helmut Kriha zum Thema „Groß-Zimmern im 17. und 18. Jahrhundert“. Nach dem gelungenen Auftakt hoffen die Veranstalter erneut auf ein so zahlreiches und geschichtsinteressiertes Publikum.

Bitte beachten Sie auch die weiteren Veranstaltungen des Glöckelchenvereins im Jubiläumsjahr, die alle auf dem Flyer „Was ist los?“ oder unter www.gross-zimmern.de/gloeckelchenverein zu finden sind. Merken Sie sich bereits heute die für Sie interessanten Termine vor!