Glöckelchenverein
Jüdisches Leben in Groß-Zimmern
Im Rahmen der historischen Vortragsreihe anlässlich der 750-Jahr-Feier der Gemeinde Groß-Zimmern veranstaltete der Glöchelchenverein e.V. einen weiteren Abend zur lokalen Geschichte. Der dritte Vortrag widmete sich dem Thema „Jüdisches Leben in Groß-Zimmern“ und entstand in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Darmstadt.
Als Referentin war Rahel Blum, Projektmitarbeiterin des Buber-Rosenzweig-Instituts Frankfurt, eingeladen, die zu Beginn ihres Vortrags das Ende 2025 erschienene Werk „Zerbrechliche Nachbarschaft – Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen“ vorstellte. Der erste Band dieses Gedenkbuchs dokumentiert die Geschichte jüdischer Gemeinden in Hessen. Das Buch ist sowohl in gedruckter Form erhältlich als auch online frei zugänglich, wo es regelmäßig aktualisiert wird.
Im Anschluss führte Rahel Blum anschaulich durch die überlieferte Geschichte jüdischen Lebens in Groß-Zimmern. Archivrecherchen zufolge lassen sich jüdische Familien bereits seit dem 16. Jahrhundert nachweisen. Für das 17. Jahrhundert sind bis zum Dreißigjährigen Krieg drei bis vier jüdische Familien im Ort belegt. Während der Kriegsjahre flohen diese in umliegende befestigte Städte wie Reinheim und Dieburg.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg war die Bevölkerung Groß-Zimmerns insgesamt stark dezimiert. Erst ab dem 18. Jahrhundert lassen sich jüdische Familien erneut über Quellen wie Bestattungslisten des nächstgelegenen jüdischen Friedhofs in Dieburg nachweisen. Aufgrund der besonderen territorialen Struktur Groß-Zimmerns kam es im Laufe der Zeit wieder zu einer jüdischen Präsenz im Ort, die zeitweise bis zu sechs Familien umfasste, was besonders war zu dieser Zeit. Die übliche Ansiedlung von jüdischen Familien erlaubte regulär maximal drei Familien, um religöse Versammlungen zu unterbinden. Die Familienanzahl in Groß-Zimmern reichte aus, um religiöse Versammlungen im Ort zu ermöglichen.
Weitere historische Quellen belegen das Vorhandensein eines Vorsängers sowie einer sogenannten „Judenschule“. Auch eine jüdische Hochzeit ist in Gerichtsakten dokumentiert, bei der es aufgrund der Beschlagnahmung von Musikinstrumenten durch einen Schultheißen zu behördlichen Auseinandersetzungen kam.
Im 18. Jahrhundert wuchs die jüdische Gemeinde schließlich auf etwa 15 Familien an und entwickelte sich damit zu einer der größten Gemeinden im regionalen Umfeld. Im 19. Jahrhundert existierte in Groß-Zimmern eine Synagoge, die später sogar neu errichtet wurde.
Über rund 300 Jahre hinweg prägte ein weitgehend friedliches Zusammenleben das Ortsbild, bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Bereits vor der Reichspogromnacht verließen die meisten jüdischen Bürger den Ort.
Der Vortrag wurde von den Zuhörenden als eindrucksvoll, lebendig und zugleich lehrreich beschrieben. Er bot einen differenzierten Einblick in ein wichtiges Kapitel der lokalen Geschichte und würdigte zugleich die historische Bedeutung jüdischen Lebens in Groß-Zimmern. Das Dankeschön gilt insbesondere Referentin Rahel Blum, aber auch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Darmstadt.
Die Mitglieder des Glöckelchenvereins möchten an dieser Stelle auf die nächste Abendveranstaltung hinweisen, die sich der Entwicklung des Zusammengehörigkeitsgefühls der beiden Ortsteile seit der Gebietsreform im Jahr 1977 widmet.
Bitte beachten Sie auch die weiteren Veranstaltungen des Glöckelchenvereins im Jubiläumsjahr, die alle auf dem Flyer „Was ist los?“ oder unter www.gross-zimmern.de/gloeckelchenverein zu finden sind. Merken Sie sich bereits heute die für Sie interessanten Termine vor!

